Tinnitus verstehen – und neu damit umgehen
Tinnitus ist für viele Menschen weit mehr als ein störendes Geräusch. Er verunsichert, bindet Aufmerksamkeit und kann den Alltag stark belasten. Umso wichtiger ist ein Blick, der nicht nur auf das Symptom selbst schaut, sondern auf den Menschen, der damit lebt.
In diesem Gespräch beim Online-Tinnitus-Kongress spricht Annette Nowak über ihre Erfahrungen aus der Praxis und aus dem eigenen Leben. Es geht darum, warum Tinnitus nicht nur körperlich verstanden werden sollte, wie das Nervensystem daran beteiligt ist und welche Wege helfen können, den Ton Schritt für Schritt in den Hintergrund treten zu lassen.
Interview zum Nachlesen: Annette Nowak im Gespräch
Frau Nowak, was ist die eine Botschaft, die jeder Tinnitus-Betroffene sofort hören sollte?
Dass Tinnitus bewältigbar ist. Das Gehirn kann lernen, die Geräusche wieder aus der bewussten Wahrnehmung herauszufiltern. Dann steht einem erfüllten Leben im Grunde nichts mehr im Weg. Das ist nicht nur Theorie, sondern meine Erfahrung aus rund 30 Jahren Praxisarbeit – und aus meinem eigenen Leben.
Sie sprechen mit großer Zuversicht darüber. Gab es einen Schlüsselmoment in Ihrer Arbeit?
Ja. Mich hat immer wieder beeindruckt, wie schnell es manchen Menschen besser gehen kann, wenn die richtigen Rahmenbedingungen entstehen. Tinnitus lässt sich nicht frontal „wegmachen“. Ich sage oft: Man beeinflusst ihn über Bande. Wenn körperliche, mentale und emotionale Faktoren zusammenspielen und das Gehirn Unterstützung bekommt, dann kann sich erstaunlich schnell etwas verändern.
In meiner Ausbildung hieß es noch, ein Bewältigungsprozess dauere mindestens neun Monate. Heute arbeite ich viel kompakter und gezielter. Ich habe mein Vorgehen im Lauf der Jahre stark verdichtet und individualisiert. Es gibt bei mir inzwischen auch kürzere Formate mit fünf Sitzungen, bei denen die ersten Termine eng getaktet sind und die Abstände dann größer werden. Daneben gibt es ein umfangreicheres Trainingsprogramm, oft in Zusammenarbeit mit anderen Behandlern.
Sie kennen Tinnitus aus eigener Erfahrung. Wie begann Ihre eigene Geschichte?
Der Tinnitus kam mitten im Examen. Natürlich war da massiver Stress. Dazu kam, dass ich lange mit einer Fehldiagnose lebte. Ich habe eine Otosklerose, also eine Verknöcherung im Mittelohr, die damals zunächst nicht erkannt wurde. Stattdessen war lange von einem Innenohrproblem die Rede. Ich wurde immer schwerhöriger und war kurz vor dem Ertauben, bis ein Arzt genauer hinsah und die eigentliche Ursache erkannte. Dann konnte ich operiert werden.
Bei mir kamen also mehrere Dinge zusammen: Tinnitus auf dem Boden einer Schwerhörigkeit – und gleichzeitig enormer innerer Druck. Ich war damals sehr perfektionistisch, wollte alles besonders gut machen und habe mich selbst stark unter Spannung gesetzt.
Wie sind Sie damals damit umgegangen?
Zunächst so, wie es viele Betroffene tun: Ich habe alles ausprobiert, was mir angeboten wurde. Akupunktur, Ginkgo, Behandlungen an der Halswirbelsäule, Zahnsanierungen, Selbsthilfegruppen, Kontakt zur Deutschen Tinnitus-Liga, Klangtherapie in Heidelberg. Vieles hat meinem Körper vielleicht auf irgendeine Weise gutgetan – aber der Tinnitus selbst ließ sich davon überhaupt nicht beeindrucken.
Irgendwann war ich erschöpft. Auch finanziell. Und dann kam der Punkt, an dem ich losgelassen habe. Ich wohnte damals auf dem Land, machte lange Spaziergänge und stellte die Füße in den Fluss, der durch unseren Garten lief. Damals wusste ich noch nicht, dass ich damit ganz direkt auf mein autonomes Nervensystem einwirkte. Ich habe einfach ausprobiert, was mir guttut.
Dazu kam später die Operation. Ich bekam einen großen Teil meines Hörvermögens zurück. Das brachte Erleichterung, mehr Sicherheit und wieder mehr Umweltgeräusche. Dadurch wurde auch der Tinnitus überlagert und rückte zunehmend in den Hintergrund.
Hat sich der Tinnitus nach der Operation verändert?
Direkt in der Klinik war die Operation zunächst selbst ein Stressfaktor. Auch Infusionen haben die Ohrgeräusche bei mir zeitweise verstärkt. Aber sobald ich aus der Klinik heraus war, begann ein Gewöhnungsprozess. Mein Gehirn fand einen neuen Umgang mit den Tönen. Heute höre ich sie über Monate hinweg gar nicht bewusst. Wenn ich mich hineinversetzen will, um mit Klientinnen und Klienten zu arbeiten, kann ich sie bewusst aufsuchen – aber das ist heute eine Entscheidung.
Das ist für viele Betroffene ein wichtiger Gedanke: Nicht der Ton an sich ist das ganze Problem, sondern die Bedeutung, die er im Erleben bekommt. Genau dort kann Veränderung beginnen.
Sie haben einmal den Satz geprägt: „Tinnitus ist nur ein Ton.“ Das wirkt fast provokant.
Ja, das ist bewusst zugespitzt. Natürlich löst Tinnitus starke Gefühle aus: Angst, Ohnmacht, Verzweiflung, Kontrollverlust. Aber zunächst ist er eben ein Ton. Die eigentliche Wucht bekommt er durch das, was er in uns auslöst. Mein Ziel in der Arbeit ist, ihn gemeinsam mit den Menschen in die Bedeutungslosigkeit zu bringen. Sobald das Gehirn ihn nicht mehr als Bedrohung einstuft, kann es ihn überhören.
Wann wurde aus Ihrer eigenen Erfahrung ein beruflicher Schwerpunkt?
Relativ schnell. Ich hatte sehr früh das Gefühl, dass das meine Aufgabe ist. Ich wollte verhindern, dass andere Menschen einen so langen und leidvollen Weg gehen müssen wie ich selbst. Gleichzeitig musste ich meine Privatpraxis natürlich erst aufbauen. Deshalb habe ich anfangs parallel in Teilzeit angestellt gearbeitet und mich Schritt für Schritt ganz in die Praxis hinein entwickelt.
Welche Ansätze haben Sie in Ihrer Arbeit besonders geprägt?
Ich arbeite sehr gerne systemisch, weil die systemische Kurzzeittherapie Menschen rasch wieder mit ihren Ressourcen und Kraftquellen in Kontakt bringt. Zugleich bin ich mit großer Überzeugung Gestalttherapeutin und liebe kreative Methoden.
Eine Methode, die ich selbst entwickelt habe, ist die sogenannte Tinny-Methode. Sie geht auf die klassische Stuhlarbeit der Gestalttherapie zurück. Dabei sitzt dem Klienten nicht einfach ein leerer Stuhl gegenüber, sondern eine kleine Figur: Tinny, eine bewusst freundlich gestaltete Puppe nach dem Kindchenschema.
Der Klient spricht zunächst aus seiner eigenen Position mit dem Tinnitus – oft mit viel Wut, Zorn oder Verzweiflung. Dann wechselt er die Perspektive, nimmt Tinny auf den Schoß und antwortet aus ihrer Sicht. Das wirkt oft überraschend stark. Auch sehr rationale Menschen kommen so in Kontakt mit Gefühlen, die vorher kaum zugänglich waren. Gleichzeitig verändert sich das innere Bild: Aus dem „Dampfhammer“, „Güterzug“ oder „Presslufthammer“ wird etwas weniger Bedrohliches. Das ist oft eine erste Musterunterbrechung.
Was passiert dadurch therapeutisch?
Viele Menschen entdecken auf diesem Weg, was sie eigentlich brauchen – und was sie viel zu lange verdrängt haben. Ich erinnere mich etwa an einen jungen Mann, der eine Ausbildung durchgezogen hatte, die überhaupt nicht zu ihm passte. Er hatte sich aus Pflichtgefühl und mit dem Glaubenssatz „Was man anfängt, muss man auch zu Ende bringen“ regelrecht hindurchgezwungen. Direkt nach der Abschlussprüfung kam der Tinnitus. In der Arbeit mit Tinny wurde sichtbar, wie viel Überforderung, Selbstverleugnung und innerer Druck dahinterstanden.
Sie betonen neben der Gestalttherapie auch die systemische Perspektive. Was ist daran so hilfreich?
Der Perspektivwechsel. Er hilft dabei, festgefahrene Denkweisen zu verlassen. Viele Betroffene hören irgendwann den Satz: „Damit müssen Sie leben.“ Für manche wird das fast zu einem Glaubenssatz. Und genau da setze ich an. Ich sage sehr klar: Das stimmt so nicht. Man kann lernen, mit Tinnitus so umzugehen, dass er seine Bedrohlichkeit verliert.
Mir wäre sehr wichtig, dass gerade auch Ärztinnen und Ärzte andere Formulierungen finden. Nicht im Sinn billiger Hoffnung, sondern realistisch und zugleich hilfreich. Etwa so: „Ja, das ist belastend. Aber man kann lernen, gut damit umzugehen.“ Diese Sprache macht einen großen Unterschied.
Warum reicht Wissen allein oft nicht aus?
Weil Erfahrung etwas anderes ist als Information. Viele Menschen kommen zu mir und sagen: Ich habe alles gelesen, ich kenne die Theorie, ich weiß, wie Tinnitus funktioniert – aber ich komme trotzdem nicht damit klar. Genau deshalb ist Begleitung so wertvoll. Es ist schwer, sich allein am eigenen Schopf aus einem Zustand von Angst und Anspannung herauszuziehen.
Sie wollten in diesem Gespräch besonders auf die therapeutische Beziehung eingehen. Warum ist sie für Sie so zentral?
Weil sie kein Beiwerk ist. Sie ist der Boden, auf dem alles andere überhaupt erst möglich wird. Menschen mit Tinnitus kommen oft in einem inneren Alarmzustand. Das autonome Nervensystem steht auf Bedrohung. Wer in diesem Zustand in eine Praxis kommt, ist zunächst nicht offen, entspannt und vertrauensvoll – sondern oft angespannt, misstrauisch und innerlich auf Habacht.
Deshalb beginnt therapeutische Arbeit für mich nicht erst mit einer Methode. Sie beginnt mit dem Raum, mit Haltung, mit Atmosphäre, mit Transparenz. Mein Praxisraum ist ruhig, freundlich und nicht klinisch kühl. Es gibt keinen Tisch zwischen mir und dem Klienten. Die Menschen dürfen ihren Stuhl so stellen, wie es sich für sie passend anfühlt. Sie müssen mich nicht frontal ansehen. Das Telefon ist aus. Ich gehe nicht zwischendurch hinaus. All das sind keine Kleinigkeiten.
Was braucht es aus Ihrer Sicht in dieser Beziehung?
Vertrauen, Sicherheit und echte Verbindung. Ich lasse Menschen in der ersten Sitzung zunächst erzählen. Nicht entlang eines starren Fragenkatalogs, sondern offen. Ich spiegele ihnen, was ich höre. Das schafft das Gefühl: Ich werde gesehen. Ich werde verstanden. Das ist ein tiefes menschliches Bedürfnis.
Dazu gehört für mich auch, dass ich mich nicht hinter einer professionellen Maske verstecke. Ich sage den Menschen, dass ich Tinnitus selbst kenne. Ich teile auch mit, wenn ich gerade unruhig bin, etwa weil kurz vorher ein Krisentelefonat dazwischenkam. Nicht aus Bedürftigkeit, sondern aus Klarheit. Menschen spüren ohnehin, wenn etwas nicht stimmt. Wenn man es nicht benennt, beziehen sie es womöglich auf sich.
Sie sprechen sehr offen davon, dass Sie Klienten auch konfrontieren müssen.
Ja, unbedingt. Beziehung heißt nicht nur Wärme, sondern auch Wahrheit. Ich muss Menschen manchmal spiegeln, dass ihr Lebensstil, ihre Muster oder ihre Grenzenlosigkeit eine Rolle spielen. Viele können schlecht Nein sagen, wollen für alle funktionieren, tragen zu viel Verantwortung und geraten dadurch in chronischen Stress. Dann reicht es nicht, nur Übungen zu machen. Dann braucht es die Bereitschaft, im eigenen Leben etwas zu verändern.
Wie arbeiten Sie konkret mit den verschiedenen Ebenen?
Ich halte es für entscheidend, Tinnitus nicht einseitig zu betrachten. Es geht um die körperliche, die mentale und die emotionale Ebene.
Zur mentalen Ebene gehört zum Beispiel Aufklärung. Ich arbeite mit standardisierten Fragebögen, aber die Menschen füllen sie zu Hause aus und bringen sie mit. Mich interessiert nicht nur die Punktzahl, sondern auch, was daraus sichtbar wird. Viele merken dabei zum ersten Mal, dass sie eben nicht völlig ausgeliefert sind – und dass es Bereiche gibt, in denen sie bereits etwas gut machen.
Mental wichtig ist auch, wie Menschen über Tinnitus denken. Viele dysfunktionale Gedanken verstärken die Angst: „Es wird immer schlimmer“, „Das bleibt jetzt für immer so“, „Ich höre ihn sogar über den Fernseher hinweg, also muss er unerträglich laut sein.“ Dann erkläre ich, wie Wahrnehmung funktioniert, wie Filterprozesse im Gehirn arbeiten und warum Aufmerksamkeit so viel beeinflusst.
Auf der emotionalen Ebene geht es um Gefühle, biografische Muster, innere Antreiber, Perfektionismus, alte Glaubenssätze und oft auch frühe Erfahrungen. Der Tinnitus ist selten im luftleeren Raum entstanden.
Und auf der körperlichen Ebene arbeite ich mit Aufmerksamkeitsübungen, Sinnesübungen, Summen, Atemübungen, kleinen Imaginationsreisen und allem, was das autonome Nervensystem beruhigen hilft. Ich beziehe auch andere Fachleute mit ein, wenn es sinnvoll ist – etwa Osteopathen, Körpertherapeuten oder spezialisierte Zahnärzte.
Sie scheinen sehr bewusst nicht nach einem festen Schema zu arbeiten.
Genau. Ich arbeite nicht nach einem Standardfahrplan, den ich bei allen abspule. Mich interessiert, wer da vor mir sitzt und was dieser Mensch jetzt gerade braucht. Dann greife ich in meinen Werkzeugkoffer.
Woran merken Sie, dass sich bei einem Klienten etwas verändert?
Ein erster Marker ist oft, dass der Tinnitus nicht mehr rund um die Uhr im Vordergrund steht. Ich frage in der zweiten Sitzung häufig: „Zu wie viel Prozent des Tages hören Sie ihn?“ Am Anfang sagen viele: „Zu hundert Prozent.“ Das ist das subjektive Erleben. Aber dann tauchen erste Momente auf, in denen er vergessen wird – beim Spaziergang, am Wochenende, abends im Bett für kurze Zeit.
Ein anderer Marker ist, dass Leichtigkeit zurückkommt. Humor ist zum Beispiel ein gutes Zeichen. Wenn Menschen wieder lachen können, wenn sie Sprache verändern, wenn aus dem bedrohlichen „Tinnitus“ plötzlich die „Tinnituba“ wird, dann merkt man: Das System entspannt sich.
Und wenn es Rückfälle gibt?
Dann braucht es zuerst Beruhigung. Ich sage sehr klar: Das ist normal. Schwankungen gehören dazu. Ein lauterer Tag bedeutet nicht, dass alles verloren ist. Wichtig ist, den Blick wieder zu weiten. Manchmal gab es Stress, manchmal auch nicht. Manchmal ist der Auslöser nicht sofort greifbar. Auch das muss man aushalten lernen.
Ich kenne das Phänomen übrigens gut, dass Tinnitus gerade im Urlaub oder in scheinbar entspannten Phasen auftaucht oder lauter wird. Das liegt oft daran, dass das Nervensystem einen Nachlauf hat. Wenn vorher über lange Zeit zu viel Cortisol und Spannung im System waren, ist mit zwei ruhigen Tagen nicht automatisch alles wieder im Lot.
Viele Betroffene leiden besonders abends und nachts. Haben Sie dafür einen praktischen Hinweis?
Ja. Ich arbeite mit Atemübungen, mit beruhigenden inneren Bildern und mit einer Veränderung der Erwartung. Viele gehen schon mit der Angst ins Bett, dass es schlimm wird. Diese Erwartung selbst erhöht die Anspannung.
Ein Bild, das ich gern verwende, ist eine Welle am Meer: Sie kommt, läuft aus und bleibt nicht. Das hilft, nicht gegen das Geräusch anzukämpfen, sondern in einen anderen Zustand zu kommen. Oft ist es nicht der Ton selbst, der Menschen wachhält, sondern die Gedanken darüber, die Angst und die innere Alarmbereitschaft.
Sie arbeiten in München, bieten aber inzwischen auch Online-Begleitung an. Wie sehen Sie das?
Meine Basis ist klar die Arbeit in der Praxis. Das ist mir am liebsten. Seit mein Buch erschienen ist, melden sich aber auch Menschen aus anderen Regionen. Deshalb biete ich inzwischen begrenzte Online-Begleitung an.
Ich sage allerdings auch offen: Online ist nicht dasselbe. Ich sehe nur einen Ausschnitt des Menschen, viele Methoden lassen sich nicht sinnvoll einsetzen, und die leibliche Präsenz fehlt. Deshalb arbeite ich online eher in kleineren Formaten und helfe oft zusätzlich dabei, vor Ort passende Begleitung zu finden.
Sie haben dafür ein eigenes Netzwerk aufgebaut?
Ja. Wenn ich merke, dass jemand zusätzlich körpertherapeutische oder psychotherapeutische Unterstützung braucht, dann verweise ich weiter. Ich suche Kooperationspartner sehr sorgfältig aus, oft auch über eigene Erfahrung. Das können Osteopathen sein, Körpertherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie oder andere spezialisierte Fachleute. Mir ist wichtig, dass Menschen nicht irgendwo landen, sondern in guten Händen sind.
Was halten Sie für besonders wichtig im Alltag von Tinnitus-Betroffenen?
Pausen. Wirklich echte Pausen. Zehn Minuten können schon viel verändern, wenn man aufsteht, das Handy weglegt, ans Fenster geht, durchatmet oder kurz nach draußen geht.
Ein weiterer Punkt ist digitaler Stress. Wir schauen viel zu oft aufs Handy, werden permanent von Benachrichtigungen unterbrochen und kommen kaum noch in echte Ruhe. Gerade bei einem ohnehin angespannten Nervensystem ist das hochproblematisch.
Und dann: gute Information statt Dauerpanik. Foren und Selbsthilfegruppen können hilfreich sein, vor allem am Anfang, weil sie Verbundenheit schaffen. Aber sie können auch kippen, wenn sich Menschen gegenseitig nur noch mit Leidensgeschichten triggern. Mir wäre wichtig, dass dort auch mehr Erfolgserfahrungen sichtbar werden. Nicht als Schönfärberei, sondern als realistische Gegenstimme.
Sie wirken fast kämpferisch, wenn es um die öffentliche Darstellung von Tinnitus geht.
Vielleicht, weil ich so oft erlebt habe, was für einen Schaden hoffnungslose Aussagen anrichten. Wenn in den Medien oder in Fachtexten suggeriert wird, nach ein paar Monaten sei alles festgeschrieben und unveränderlich, dann ist das für viele Betroffene fatal.
Ich halte das für falsch. Nicht im Sinn von naiver Heilungsromantik, sondern auf Grundlage von Erfahrung. Besserung ist möglich. Bewältigung ist möglich. Und zwar nicht nur in Einzelfällen.
Zum Schluss: Was möchten Sie Betroffenen mitgeben?
Zuversicht. Und die Einladung, sich Hilfe zu holen. Tinnitus ist komplex. Aber Menschen sind lernfähig, das Gehirn ist lernfähig, und Veränderung ist möglich. Es braucht nicht immer den großen Umbruch. Manchmal beginnen wichtige Schritte mit etwas sehr Einfachem: einer Pause, einem anderen Blick, einem guten Gespräch, einem ersten Moment von Sicherheit.
Und vielleicht ist genau das der Anfang.