Cortisongabe bei Tinnitus?

Macht Cortisongabe bei Tinnitus Sinn? 

Die Frage nach der Wirksamkeit von Cortison bei Tinnitus beschäftigt viele Betroffene und Behandler. Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass Cortison eine Art „Allheilmittel“ bei Tinnitus sei. Viele Betroffene hoffen auf schnelle Linderung durch Medikamente, gerade wenn das Pfeifen oder Rauschen stark belastet. Die aktuelle Hadokortstudie 2026 hat wichtige Erkenntnisse für uns. 

Was ist Cortison?

Cortison ist ein körpereigenes Hormon, das in der Nebennierenrinde gebildet wird. Es gehört zur Gruppe der Glukokortikoide und spielt eine wichtige Rolle bei Entzündungsprozessen und der Regulation des Immunsystems.

Warum wird Cortison oft als „Stresshormon“ bezeichnet?

Kortisol, das natürliche Pendant zum Cortison, ist Teil der sogenannten „Fight-or-Flight“-Reaktion. Bei Stress schütten die Nebennieren vermehrt Kortisol aus, um den Körper auf eine Herausforderung vorzubereiten – etwa durch Steigerung der Energieverfügbarkeit oder Hemmung nicht unmittelbar lebenswichtiger Prozesse. Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, sowohl den körperlichen als auch den psychischen Einfluss von Cortison zu beachten – vor allem bei Menschen, die ohnehin unter Stress oder emotionaler Belastung stehen.

Zentrale Ergebnisse der Hadokortstudie 2026

Die Hadokortstudie 2026 ist eine aktuelle, umfangreiche Untersuchung, die sich mit der Frage auseinandersetzt, ob Cortisongaben bei chronischem Tinnitus wirksam sind. Dabei wurden verschiedene Dosierungen und Anwendungsformen geprüft, um eine belastbare Einschätzung zu erhalten.
Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die Studie konnte keine signifikante Verbesserung der Tinnituswahrnehmung durch Cortison gegenüber Placebo nachweisen.

  • Dosierung und Anwendungsdauer: Höhere Dosierungen oder längere Behandlungszeiträume führten nicht zu besseren Ergebnissen, sondern erhöhten das Risiko von Nebenwirkungen.

  • Akuter versus chronischer Tinnitus: Cortison zeigte vor allem bei akutem Tinnitus in frühen Stadien positive Effekte. Jedoch nur dann, wenn eine akute Schädigung der Hörsinneszellen (Hörsturz) oder ein entzüdliche Ursache vorliegt.

  • In Fällen ohne akuten Hörsturz oder entzündliche Ursachen haben Cortisongaben keine signifikante Verbesserung der Tinnitusintensität bewirkt.

  • Individuelle Unterschiede: Manche Patient:innen berichteten subjektive Verbesserungen, was auf individuelle Reaktionen hindeutet, jedoch ohne statistische Signifikanz.

  • Wirksamkeit und Verträglichkeit von oraler, intravenöser und intratuponaler Cortisongabe: Keine der Methoden ist pauschal überlegen.

„Cortison direkt ins Ohr“?

Bei der direkten Cortisongabe ins Ohr, auch intratympanale Injektion genannt, wird das Medikament direkt ins Mittelohr gespritzt. 

Vorteile :

  • Hohe lokale Konzentration am Ort des Geschehens, ohne den gesamten Körper zu belaste

  • Da das Cortison hauptsächlich lokal wirkt, sind Nebenwirkungen im ganzen Körper oft geringer als bei Tabletten oder Infusionen.

  • Gut geeignet bei Patienten, bei denen orale oder intravenöse Gabe nicht möglich oder unerwünscht ist

Risiken:

  • Invasive Prozedur, die etwas unangenehm sein kann

  • Risikofaktoren wie Trommelfellverletzungen, Infektionen, unter Umständen Druckempfinden und Schwindel direkt nach der Injektion  

  • Erfordert ärztliche Erfahrung und spezielle Ausrüstung

  • Keine sofortige Wirkung: Die Behandlung kann mehrere Sitzungen erfordern und braucht Zeit, bis eine Wirkung spürbar wird.

  • Unterschiedliche Wirksamkeit: Nicht alle Betroffenen sprechen auf die lokale Cortisongabe an. Die Erfolge sind individuell verschieden und nicht garantiert.

  • Psychische Belastung: Für manche Menschen ist der Eingriff stressig oder angstauslösend, was sich auf das Nervensystem und die Wahrnehmung des Tinnitus auswirken kann.

Fazit: Cortisongabe bei Tinnitus – kein Patentrezept

Die Hadokortstudie 2026 verdeutlicht, dass Cortison bei chronischem Tinnitus keine generelle Empfehlung darstellt. 
Wichtig ist, den Tinnitus als komplexes Phänomen zu verstehen, das eine vielfältige Herangehensweise erfordert. Die medikamentöse Behandlung kann ggf. ein Baustein sein, ist aber nicht die alleinige Lösung.
Wenn du dich unsicher fühlst oder das Thema dich belastet, kann eine ärztliche Zweitmeinung, eine Beratung oder therapeutische Begleitung hilfreich sein.

Hintergründe & Quellen

https://www.tinnitus-liga.de/wp-content/uploads/2024/07/TF_2_24_Hesse-Kastellis.pdf

Der gesamte Cochrane-Review ist öffentlich zugänglich:
https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD008080.pub2/full


© 2026 Annette Nowak | Tinnitus-Beratung | Psychologische Beratung München | www.tinnitusberatung.de

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