Tinnitus verstehen: Wie das Nervensystem den Ton verstärkt – und wieder loslassen kann

Viele Menschen, die mit Tinnitus leben, kennen diesen einen Gedanken: Wenn dieser Ton endlich weg wäre, dann könnte mein Leben wieder beginnen.

Und gleichzeitig die Erfahrung, dass genau das nicht passiert. Untersuchungen, Therapien, gut gemeinte Ratschläge – und am Ende oft ein Satz, der mehr Schaden anrichtet als hilft:
„Damit müssen Sie leben.“

Im Podcast PARACELSUS LAB spricht Annette Nowak mit Host Matthias Baum über einen anderen, entlastenderen Blick auf Tinnitus. Einen Blick, der nicht den Ton bekämpft, sondern versteht, warum er so viel Raum im Leben einnimmt – und wie er diesen Raum wieder verlieren kann.

Nicht der Ton allein ist das Problem

Ein zentraler Gedanke des Gesprächs wirkt auf den ersten Blick vielleicht irritierend, für viele Betroffene aber zugleich erleichternd:

Das therapeutische Ziel ist nicht das Verschwinden des Tinnitus, sondern seine Bedeutungslosigkeit im Alltag.

Das heißt nicht, dass der Leidensdruck klein geredet wird. Im Gegenteil.
Es heißt, dass Tinnitus nicht isoliert im Ohr entsteht – und deshalb auch nicht allein dort „gelöst“ werden kann.

Aus neurobiologischer Sicht ist Tinnitus ein Zusammenspiel aus:

  • dem Hörsystem,
  • zentralen Filtermechanismen im Gehirn,
  • dem Regulationszustand des autonomen Nervensystem,
  • und emotionaler Bewertung.

Der Ton wird dann zum Problem, wenn das Gehirn ihn als Bedrohung einstuft. Ab diesem Moment springt im autonomen Nerbensystem ein inneres Alarm- und Schutzsystem an. Aufmerksamkeit, Angst, Anspannung und Kontrolle verstärken sich gegenseitig – und der Tinnitus rückt immer weiter in den Vordergrund.

Wenn das Nervensystem im Daueralarm ist

Viele Betroffene berichten, dass sich der Tinnitus in oder kurz nach stressvollen Lebensphasen eingestellt habe. Das ist kein Zufall. Dauerhaft aktivierte Stressreaktionen des autonomen Nervensystems mit chronischer Ausschüttung von Stresshormonen begünstigt etliche Krankheiten und Krankheits-Symptome sowie deren Chronifizierung.

Der Zustand unseres Nervensystems beeinflusst alles. Unseren Herzschlag und unser Verdauungssystem. Wie wir die Welt und uns selbst sehen. Wie laut wir die Ohrtöne erleben. Wie wir unsere Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft bewerten. Dauerstress, Dauerbeschallung, fehlende Pausen, Schlafmangel – all das signalisiert dem Nervensystem: Die Situation ist nicht sicher. 

Das Gehirn reagiert darauf, indem es besonders wachsam wird. Geräusche, die früher ausgefiltert wurden, bleiben im Fokus. Nicht weil etwas „kaputt“ ist, sondern weil das System versucht, zu schützen.

Problematisch wird es, wenn diese Alarmbereitschaft zum Dauerzustand wird. Dann entsteht ein Kreislauf aus Wahrnehmung, Bewertung, Angst und noch mehr Wahrnehmung. Aussagen wie „Damit müssen Sie leben“ verstärken diesen Kreislauf oft zusätzlich, weil sie Ohnmacht und Hilflosigkeit nähren.

Tinnitus entsteht nicht im Ohr allein

Ein wichtiger Aspekt, den Annette Nowak im Podcast betont: Tinnitus ist kein rein peripheres Phänomen.

Zentrale Filtermechanismen im Gehirn entscheiden ständig, was wichtig ist – und was nicht, denn es prasseln pro Sekunde unzählige Informationen und Sinneseidrücke auf uns ein. Ohne das Aussieben würde in unserem Kopf totales Chaos entstehen und wir würde in unserem Denken und Handeln lahm gelegt. Das Gross der Sinnesinformationen nehmen wir nicht bewusst wahr. Sie treten in den Hintergrund,  bevor wir sie merken können. Erst wenn etwas emotional aufgeladen ist, bleibt es präsent.

Der Tinnitus bekommt Bedeutung, weil er mit Angst, Unsicherheit oder Kontrollverlust verknüpft wird. Genau hier setzt ein therapeutischer Ansatz an, der nicht auf Kampf, sondern auf Verstehen und Regulation setzt.

Psychoedukation: Wissen als Entlastung

Ein erster, oft unterschätzter Schritt ist Psychoedukation. Zu verstehen, was im Körper passiert, nimmt dem Erleben etwas von seinem Schrecken.

Wenn Betroffene erkennen:

  • das der Schlüssel für ein ausbalanciertes Nervensystem im eigenen Lebensstil liegt
  • das der Ton kein Zeichen mehr von Gefahr ist
  • dass das Gehirn lernfähig ist

entsteht oft zum ersten Mal wieder ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Nicht im Sinne von „Ich muss etwas wegmachen“, sondern: Ich kann etwas beeinflussen.

Das Nervensystem beruhigen – nicht den Ton bekämpfen

Statt den Tinnitus permanent zu kontrollieren oder zu vermeiden, geht es darum, dem Nervensystem wieder Sicherheit zu vermitteln. Annette Nowak spricht im Podcast unter anderem über:

  • Gefühle und Bedürfnisse benennen: Wenn der Tinnitus Dich belastet, frage Dich: „Welche Gefühle sind gerade da? Was brauche ich jetzt?“ Zum Beispiel: Ruhe, Sicherheit, Unterstützung. Dies kann helfen, den Fokus von der Kontrolle weg auf Selbstfürsorge zu lenken
  • achtsamkeitsbasierte Sinnesübungen, die den Fokus weiten,
  • emotionale Entlastung, statt Durchhalten,
  • gezielte Pausen, digitaler Detox und bewusste Stille,
  • das Setzen von Grenzen im Alltag,
  • Naturerfahrungen als Regulation für das vegetative Nervensystem.
  • Routinen für Sicherheit schaffen: Gerade abends oder nachts kann der Tinnitus stärker erscheinen. Etabliere Rituale, die Deinem Nervensystem signalisieren: Hier und jetzt bist Du sicher. Das kann eine warme Tasse Kräutertee sein, ein ruhiges Hörbuch oder eine angenehme Schlafumgebung.

All diese Ansätze verfolgen dasselbe Ziel: Das Gehirn soll wieder erleben, dass keine akute Bedrohung besteht. Erst dann kann es beginnen, den Tinnitus neu zu bewerten – und ihn nach und nach als irrelevant zu filtern.

Sprache, innere Bilder und Selbstwirksamkeit

Auch die Sprache, die wir im Inneren verwenden, spielt eine Rolle.
Wer den Tinnitus ausschließlich als Feind betrachtet, hält das Alarmsystem aktiv. Eine neue innere Haltung bedeutet nicht, den Ton herunterzuspielen, sondern ihm einen anderen Platz zu geben. In der therapeutischen Arbeit kann Tinnitus so vom Gegner zum Hinweisgeber werden: Ein Signal dafür, dass ein System aus dem Gleichgewicht geraten ist – und liebevolle Aufmerksamkeit braucht.

Bedeutungslosigkeit ist kein Aufgeben

Für viele klingt das Wort „Bedeutungslosigkeit“ zunächst nach Resignation. Gemeint ist jedoch etwas anderes: Freiheit. Wenn der Tinnitus seine emotionale Ladung verliert, wenn er nicht mehr ständig bewertet, kontrolliert oder gefürchtet wird, dann kann er im Alltag in den Hintergrund treten.

Er mag noch da sein – aber er bestimmt nicht mehr Wahrnehmung, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität.

Erfahrungen aus Praxis und Forschung zeigen: Wenn das Nervensystem wieder Sicherheit erlebt, kann das Gehirn lernen, den Tinnitus auszublenden. Nicht über Nacht. Nicht mit Druck. Sondern Schritt für Schritt.

Wofür ist Tinnitus ein Signal?

Der Podcast stellt Fragen, die vielen Betroffenen lange niemand gestellt hat:

  • Wofür steht dieser Ton gerade?
  • Was braucht mein Nervensystem, um Sicherheit und Heilsames zu erleben?
  • Was würde mir gerade guttun? 

Die Antworten sind individuell. Aber sie beginnen meist dort, wo Kampf und Ohnmacht enden – und Verständnis und Selbstmitgefühl beginnt.

Hinweis:
Das Gespräch mit Matthias Baum im PARACELSUS LAB bietet eine fundierte, zugleich menschliche Perspektive auf Tinnitus. Für alle, die nicht länger gegen ein Geräusch ankämpfen wollen, sondern verstehen möchten, wie Ruhe wieder möglich werden kann.

Hier geht es zum Podcast: https://open.spotify.com/episode/1poqJ1rxUcE8semYnsI4J7

 

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