Tinnitus verstehen – und wieder Vertrauen gewinnen

Warum Loslassen kein Aufgeben ist, sondern innere Freiheit bedeutet. 

Anfang Februar findet jährlich die internationale Tinnitus Awareness Week statt. Ziel dieser Woche ist es, Aufmerksamkeit für das Thema Tinnitus zu schaffen, Wissen zu vermitteln und Betroffene wie auch Angehörige zu unterstützen.

Vortrag von Annette Nowak im Rahmen der Tinnitus Awareness Week der ÖTL
Online-Vortrag im Rahmen der Tinnitus Awareness Week der ÖTL

Im Rahmen der diesjährigen Tinnitus Awareness Week lud die ÖTL – Österreichische Tinnitus-Liga zu einer Online-Veranstaltung ein. Ich habe mich sehr gefreut, von der ÖTL eingeladen worden zu sein, um in diesem Rahmen über einen Ansatz zu sprechen, der mir in meiner Arbeit mit Tinnitus-Betroffenen besonders am Herzen liegt: Tinnitus verstehen – und loslassen lernen.

Tinnitus: Nicht der Ton entscheidet – sondern der Umgang damit

Viele Menschen erleben ihren Tinnitus als sehr laut, dominant und bedrohlich. In Gesprächen höre ich häufig den Satz: „Das macht mich fertig“.

Ein zentraler Punkt meines Vortrags war deshalb die Unterscheidung zwischen dem Geräusch selbst und dem Leidensdruck, den es auslöst. Objektiv liegt der Tinnitus häufig nur wenige Dezibel über der individuellen Hörschwelle. Was ihn so belastend macht, ist in den meisten Fällen nicht die Lautstärke, sondern Angst, ständige Bewertung und die ununterbrochene Aufmerksamkeit auf den Ton.

Mir ist dabei besonders wichtig, eines klar zu sagen:
Ein subjektiver Tinnitus ist  nicht gefährlich.
Er ist kein Vorbote eines Schlaganfalls, keine Durchblutungsstörung und kein Zeichen dafür, dass „etwas Schlimmes passiert“.

Allein diese Einordnung kann für viele Betroffene bereits spürbar entlastend sein.

Warum Kontrolle den Tinnitus oft verstärkt

Fast alle Betroffenen reagieren zunächst mit dem Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen. Das ist menschlich und verständlich. Häufig zeigt sich das durch:

  • ständiges Prüfen, ob der Ton noch da ist
  • intensives Recherchieren nach Ursachen und Lösungen
  • die Hoffnung auf eine schnelle, endgültige „Behebung“

Was dabei oft übersehen wird: Unser Nervensystem reagiert nicht auf den Ton selbst, sondern auf die Bedeutung, die wir ihm geben. Wird der Tinnitus als Bedrohung interpretiert, bleibt der Körper im Alarmzustand – und das Geräusch rückt immer stärker in den Vordergrund.

Loslassen bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Resignation. Es bedeutet, dem Nervensystem Schritt für Schritt zu vermitteln:
„Ich bin in Sicherheit.“

Wahrnehmung ist selektiv – auch beim Tinnitus

Unser Gehirn filtert permanent Reize. Viele körperliche Empfindungen sind vorhanden, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Erst wenn etwas als bedeutsam oder gefährlich eingestuft wird, rückt es in den Fokus.

Der Tinnitus folgt genau diesem Prinzip. Wird er nicht mehr ständig kontrolliert und bewertet, kann er – wie viele andere Reize – wieder in den Hintergrund treten. Ziel ist daher nicht, den Ton aktiv zu bekämpfen, sondern die innere Haltung zu ihm zu verändern.

Achtsamkeit als unterstützender Weg

Diese Sichtweise wurde in der Veranstaltung durch den Beitrag von Dr. med. Frank Matthias Rudolph, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie vorgestellt. Er erläuterte aus medizinischer Sicht, warum Achtsamkeit beim Umgang mit Tinnitus hilfreich sein kann – nicht, um den Ton zu beseitigen, sondern um die innere Anspannung zu reduzieren und das Nervensystem zu beruhigen.

Besonders betonte er, dass kurze, regelmäßige Übungen oft wirksamer sind als hohe Ansprüche oder lange Programme. Auch der Umgang mit Stille wurde thematisiert: Sanfte Umgebungsgeräusche können  entlastend wirken.

Konkrete Impulse für den Alltag

Viele Betroffene fragen sich: „Was kann ich jetzt konkret tun?“ Aus den Vorträgen lassen sich einige hilfreiche und alltagstaugliche Impulse ableiten:

  • Informieren – aber gezielt:
    Seriöse Informationen können entlasten. Dauerhafte Recherche in Foren oder das Lesen von Horrorgeschichten verstärkt dagegen häufig Angst und Anspannung.
  • Druck herausnehmen:
    Tinnitus braucht Zeit. Je mehr innerer Druck entsteht, desto aktiver bleibt das Nervensystem. Geduld ist kein Rückschritt, sondern Teil des Weges.
  • Das Nervensystem beruhigen:
    Pausen, bewusste Atmung, Bewegung, Natur und regelmäßige Erholungszeiten sind keine Nebensache, sondern ein zentraler Bestandteil der Bewältigung.
  • Auf Stille nicht fixieren:
    Mitunter ein sanfter akustischer Hintergrund kann helfen, den Tinnitus weniger wahrzunehmen. Eine Dauerberieselung hingegen, ist Stress für Gehör und Gehirn.  
  • Begleitung annehmen:
    Medizinische Abklärung, psychosoziale oder psychotherapeutische Unterstützung und Selbsthilfeangebote können sich sinnvoll ergänzen.

Wer einzelne Aspekte noch einmal vertiefen möchte, kann sich den auf dieser Seite eingebetteten Videomitschnitt  in Ruhe ansehen oder einzelne Passagen nachhören – inklusive der sehr wertvollen Frage-und-Antwort-Runde am Ende.



Unterstützung durch die ÖTL

Die ÖTL – Österreichische Tinnitus-Liga ist eine gemeinnützige, österreichweite Selbsthilfeorganisation, die Menschen mit Tinnitus, Hörsturz, Hyperakusis und Morbus Menière begleitet.

Neben fundierten Informationen bietet die ÖTL vor allem eines: Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. In vielen Bundesländern gibt es Selbsthilfegruppen, die Betroffenen einen geschützten Rahmen für Gespräche, Verständnis und gegenseitige Unterstützung bieten.

Wenn Sie in Österreich leben und sich Unterstützung wünschen, finden Sie weitere Informationen unter www.oetl.at oder www.tinnitus.at.

Ein persönlicher Schlussgedanke

Wenn dieser Vortrag eines zeigen konnte, dann dies: Selbst ein chronischer Tinnitus bedeutet nicht, dass man dauerhaft leiden muss. Es gibt Wege, den Umgang damit zu verändern und die Ohrtöne überhören zu lernen – Schritt für Schritt, im eigenen Tempo und mit Unterstützung. Ich hoffe, dass dieser Beitrag dazu beitragen kann, etwas Orientierung, Entlastung und Mut zu vermitteln. 

Wenn Sie für sich klären möchten, welche nächsten Schritte in Ihrer persönlichen Situation sinnvoll sein könnten, biete ich eine unverbindliche Erstberatung an. In diesem Gespräch geht es nicht um schnelle Lösungen, sondern um Orientierung und eine erste Einordnung.

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